Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 12.07.2014

„Integration ist nicht nur ein Sommermärchen“

Rede von Christian Wulff

Christian Wulff kommt bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Freispruch auf sein Urthema zurück – die Integration. Wulff verzichtet in seiner viertelstündigen Ansprache ganz auf politische Botschaften. Vielmehr sei es wichtig, ein besseres Verständnis füreinander zu entwickeln.
Von Michael B. Berger

Fotostrecke von HAZ.de

Hannover. Zumindest die Temperaturen ähneln denen im Nahen Osten. Auch die melodiös angestimmte Koranrezitation, die kurz vor Sonnenuntergang erklingt, könnte von einem Muezzin im Vorderen Orient stammen. Aber Christian Wulff, der bei diesem Abend des Fastenbrechens die Festrede hält, spricht auf dem hannoverschen Georgsplatz. Und wird von einem vorwiegend muslimischen Publikum mit Beifall empfangen. Die jungen Frauen mit Kopftüchern, die Wulff mit ihrem Handy oder iPad fotografieren, erinnern sich noch. Er war es, der als Bundespräsident sagte, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre.
Die Buhmann-Stiftung, die sich dem interreligiösen Dialog verschrieben hat, hat am Donnerstag und Freitag zu einer „Langen Nacht der Begegnung“ eingeladen – etwa vierhundert Menschen sind gekommen. Organisator Friedrich-Wilhelm Busse stellt Wulff einige der jungen, in gelbe T-Shirts gekleideten Helfer vor, die die Gäste in den Zelten vor der alten Nord/LB bewirten. Fastenbrechen wird gefeiert, das abendliche Mahl nach einem Tag der Enthaltsamkeit. Das englische „Breakfast“ erinnert daran.
Schon als Ministerpräsident hat Wulff mit Muslimen das Fastenbrechen gefeiert, das gewöhnlich mit einem Gebet eröffnet wird, wenn die Sonne untergegangen ist. Langsam geht, nein schreitet er, geführt von Organisator Busse, an den Zelten vorbei, führt kurze Gespräche („Ach, wo studieren Sie?“). Präsidentengespräche. Sie kreisen um den Fastenmonat Ramadan und immer wieder um Fußball. Während die anderen Festredner in einer Gruppe um Oberbürgermeister Stefan Schostok herumstehen, bewegt sich Wulff umgeben von Kameraleuten und Fotografen. Wie früher.
„Und was ist mit Palästina?“
Hier auf dem Georgsplatz sind sie alle guten Willens. Wenn es nach ihnen ginge, gäbe es keinen Raketenterror. „Und was ist mit Palästina?“, ruft ein junger Mann, als Ingrid Wettberg von der Liberalen Jüdischen Gemeinde sich über rassistisches Gedankengut beklagt, das immer noch in der Bevölkerung herrsche. Es bleibt der einzige Zwischenruf.
Wulff verzichtet in seiner viertelstündigen Ansprache ganz auf politische Botschaften, bleibt im Allgemeinen. Die bunt zusammengewürfelte deutsche Nationalmannschaft ist für ihn ein gutes Exempel auch für das Miteinander der Religionen. Nur Nebeneinander reicht ihm nicht. „Wir sehen in Brasilien: Man kann großen Erfolg haben, wenn man trotz unterschiedlicher Herkunft ein gemeinsames Ziel hat.“ Wulff, der an diesem Abend nicht nur einmal an den eigenen Satz erinnert wird, dass auch der Islam zu uns gehöre, erwähnt, dass er immer noch viele besorgte Briefe bekomme. Die Integration, die „Vielfalt in unserem Land ist eben nicht nur ein Sommermärchen“. Dabei sei es wichtig, ein besseres Verständnis füreinander zu entwickeln und deshalb seien solche Veranstaltungen „wie hier“ großartig.
An den Geist des Grundgesetzes halten
Um den Versuch, den Dialog aufzunehmen, komme man nicht herum. Aber auch nicht um die Anerkennung des Gesetzes, das zu gegenseitigem Respekt nötige. Für die von ihm selbst aufgeworfene Frage, „warum es so unendlich viel Missbrauch unter den Religionen gibt“, so viel Feindschaft untereinander, hat Wulff keine Antwort. Nur eine Regel. Sich an den Geist des Grundgesetzes halten.
Freundlicher Beifall. Wulff setzt sich zu den anderen, die heute auch harmonisch gesprochen haben. Stiftungsvorstand Christian Buhmann (Jahrgang 1936) erinnert das Fasten an eigene Entbehrungen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Er freut sich, „dass sich unsere Bundespräsidenten so engagiert für Integration und Flüchtlinge einsetzen“. Oberbürgermeister Schostok erklärt, warum Fastenbrechen nicht im Rathaus veranstaltet werden würde: „Die Stadtverwaltung ist religiös neutral.“ Dann essen alle. Es gibt Gulasch mit Reis.  

Quelle: haz.de

Printversion - HAZ vom 12.07.14 - S. 19
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